logout
TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (971)

Liebes Brautpaar, Ich darf Sie, Ihre Trauzeugen, Ihre Familie und Freunde heute am (…) herzlich zu Ihrer Eheschließung hier in unserem Trauzimmer in (…) begrüßen. Mein Name ist (…) und ich bin seit (…) Jahren Standesbeamtin hier in (…). Eheschließungen zählen zu dem schönsten und auch spannendsten meiner Aufgabengebiete. In diesem Jahr sind Sie das (…) Paar, das hier in (…) die Ehe schließt. Der heutige Tag ist etwas ganz besonderes für Sie und sicherlich sind Sie auch ein wenig nervös. Ich habe für Ihre Traurede heute zwei Geschichten gewählt, die ich Ihnen und Ihren Gästen im Laufe meiner kleinen Rede vortragen werde. Obwohl die Geschichten inhaltlich komplett unterschiedlich sind, find ich Sie sehr passend, weil zwei wesentliche Fragen, die Sie bestimmt auch beschäftigt haben, behandelt werden. In der ersten Geschichte geht es nämlich um die Entscheidung, ob man heiratet bzw. ob der ausgewählte Partner wirklich der/die Richtige ist. Die zweite Geschichte thematisiert das Leben nach der Eheschließung, nämlich die Frage, wie eine Ehe halten kann. Insbesondere auch was das Geheimnis der Ehe sein könnte. Sicherlich haben Sie und auch die Mehrheit Ihrer Gäste sich schon einmal Gedanken über diese Fragestellungen gemacht. Eine allgemeingültige, einfache Antwort auf die Fragen wird es nicht geben, aber die Geschichten regen doch zum Nachdenken an. Die erste Geschichte handelt von einem Gärtner, der sich nicht sicher ist, ob er die Frau, die er liebt, heiraten soll. Ich möchte Ihnen die Geschichte nun vortragen. Sie dürfen Sich also entspannt zurücklehnen. Es war einmal ein Gärtner. Der konnte sich nicht entscheiden, ob er die Frau, die er liebte, nun heiraten sollte oder nicht. Eigentlich sprach nichts dagegen. Er fühlte sich in ihrer Nähe wohl, konnte mit ihr sowohl ernsthafte Gespräche führen als auch lachen, war für gemeinsame Kinder offen und wollte mit ihr zusammen alt werden. Aber natürlich beinhaltete ein lebenslanges Ja auch gewisse Risiken. Jeder kam aus einem anderen Elternhaus und würde manches in die Ehe einbringen, das zu einem Streit führen könnte. Auch änderten sich viele Menschen im Laufe der Zeit. Was wäre, wenn sie sich auseinander lebten? Würde ihre Liebe diesen Belastungsproben standhalten können? Grübelnd stand der junge Gärtner beim Rosenbeet und kam zu keiner befriedigenden Antwort. Da näherte sich ein alter Mann, der für seine Frau einen Rosenstock kaufen wollte. Der Gärtner wusste, dass dieser Mann seit vielen Jahren glücklich verheiratet war. Also bat er ihn um Rat. Doch der alte Mann war so mit dem Aussuchen des Rosenstocks beschäftigt, dass es so wirkte, als habe er die Frage überhört. Er betrachtete jede Pflanze, roch an den Rosenblüten, begutachtetete die Stacheln, zählte sogar die vorhandenen Knospen und blieb schließlich vor einem Rosenstock mit unzähligen dunkelroten Blüten stehen. Der Gärtner beglückwünschte den alten Mann: „Sie haben eine gute Wahl getroffen. Dieser Rosenstock ist wirklich etwas ganz Besonderes.“ Der alte Mann blieb jedoch unsicher und entgegnete: „Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich ihn wirklich nehmen soll. Oberflächlich betrachtet ist diese Pflanze makellos, Aber wer weiß, was sie für Wurzeln hat.“ „Schauen Sie die kräftigen Blüten und die dicken Blätter an“, sagte der Gärtner. „Der Rosenstock muss einen gesunden Wurze lstock haben, sonst wäre er nicht gewachsen.“ „Ja das mag stimmen“, meinte der alte Mann. „Aber wer garantiert mir, dass der Rosenstock im nächsten Jahr auch so wunderbar wächst und blüht?! „Im Moment deutet alles darauf hin“, erwiderte der Gärtner. „Aber das weitere Wohlergehen des Rosenstocks hängt natürlich auch von Ihnen ab.“ Da lächelte der alte Mann und sagte: „Ebenso verhält es sich auch mit dem Partner, den man heiraten möchte.“ Er bezahlte den Rosenstock und ließ einen nachdenklichen Gärtner zurück, der schon bald eine wichtige Entscheidung fällen sollte. Sie sind heute hier, weil Sie die Entscheidung des Gärtners bereits getroffen haben. Sie sind sich sicher den richtigen Schritt, trotz aller bestehenden Risiken, zu gehen. Natürlich kann niemand vorhersagen, ob eine Ehe ein Leben lang hält. Wenn man sich aber jetzt im Moment sicher ist und dazu bereit ist, immer sein Bestes zum Erhalt der Beziehung zu leisten, dann sind das schon einmal gute Voraussetzungen für eine gelingende Ehe. Dadurch dass Sie schon einige Jahre ein Paar sind und auch schon zusammen wohnen, kann man davon ausgehen, dass auch bei Ihnen eine gemeinsame Grundlage vorhanden ist. Sonst hätte die Beziehung wahrscheinlich nicht so lange gehalten. Genauso wie einen Rosenstock, muss man auch eine Beziehung pflegen und sich um den Partner bemühen, damit die Beziehung ihren Reiz nicht verliert. Es liegt also an jedem Partner, sich für das Zusammenleben und die Beziehung einzusetzen. So wie der Gärtner es in der Geschichte über den Rosenstock ausgedrückt hat: „Aber das weitere Wohlergehen hängt natürlich auch von Ihnen ab.“ Sie werden gleich „Ja“ zueinander sagen und damit offiziell bekräftigen, dass Sie zu all dem bereit sind. Sie haben den passenden Partner gefunden und wollen ihr Leben miteinander teilen. Damit sind sie am Ende der Suche nach dem passenden Gegenstück, dem passenden Partner. Sie stehen aber auch am Anfang einer großen Herausforderung. Hat man nämlich ersteinmal das passende Gegenstück gefunden, muss man immer wieder an sich selbst arbeiten, um die Beziehung zu erhalten. Man sollte sich immer wieder dem Partner annähern und auf seine Bedürfnisse reagieren. In einer Ehe muss man bereit sein Kompromisse zu schließen sowie gegebenenfalls seine eigenen Interessen zurückstellen. Und umgekehrt soll man aber versuchen, sich seine eigene Persönlichkeit mit unterschiedlichen Interessen, Meinungen und Hobbies zu bewahren. Man soll in der Ehe zwar eine Einheit bilden, aber doch nie seine Individualität verlieren oder aufgeben. Das ist bestimmt keine einfache Aufgabe und wird in schwierigen Situationen auf die Probe gestellt werden. Doch ich wünsche Ihnen, dass Sie aufkommende Schwierigkeiten gemeinsam bewältigen können, um so ihren Weg stets gemeinsam fortführen zu können. Man kann dieses Zusammenleben zweier Menschen sehr gut mit einer Kugel bestehend aus zwei Kugelhälften vergleichen, von denen zwar jede Hälfte verschieden ist, sie sich aber zusammen zu einem Ganzen ergänzen. Damit will ich meine kleine Traurede mit der zweiten Geschichte abschließen, in der es um genau diese Kugelhälften geht. Als das Leben am Anfang stand, fielen unzählige Kugeln auf die Erde. Bei ihrem Aufprall zersprangen sie in zwei Hälften. Uneben und frei auseinander geteilt symbolisieren sie die unterschiedlichen Charaktere zweier Menschen. Doch jede dieser auch noch so verschiedenen Halbkugeln ist für ein Gegenstück bestimmt, so wie auch zwei Menschen füreinander bestimmt sind. Wir alle sind auf der Suche nach unserer anderen Hälfte, eben nach der anderen halbe Kugeln. Wenn ihr glaubt, ihr habt Eure andere Hälfte gefunden, dann werden ihr feststellen, dass die beiden halben Kugeln oft nur an einer einzigen kleinen Stelle passen, was Ihr durch sorgfältiges Drehen und Probieren herausfinden könnt. Es ist ganz natürlich, dass es manchmal hakt und hängen bleibt. Aber genau das macht Sinn – denn: nicht alles kann immer von vornherein passen und übereinstimmen. Nun müssen beide an ihrer halben Kugel arbeiten, schleifen und feilen. Nur langsam und in kleinen Schritten ebnet sich dieser kantige Bruch durch das Geben und Nehmen in der Liebe. Nach einiger Zeit, wenn sich beide Hälften abgeschliffen haben, lassen sie sich fast reibungslos zu einer Kugel formen. Aber eben nur fast, genau passen – wie am Anfang unserer Zeit – darf es nie, sonst verliert man seine Persönlichkeit und das, was den Menschen an Eurer Seite ausmacht. Die zwei Kugelhälften sind so verschieden, wie Ihr. Schätzt dies aneinander und hütet diesen Schatz. Respektiert eure Grenzen. Lernt voneinander, aber versucht nicht euch gegenseitig umzuerziehen! Entdeckt immer wieder Neues aneinander. Glaubt nie, dass ihr das Geheimnis des anderen gelüftet habt und achtet einander jeden Tag eures gemeinsamen Lebens. Und eines vergesst nie: Ihr sollt nicht an der anderen, sondern stets an der eigenen Hälfte feilen. Ich darf Sie nun alle bitten, sich zur Eheschließung zu erheben.
 
zurück zur Übersicht