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TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (198)

Liebes Brautpaar,

Über die Ehe da gibt es ja eine Menge Sprüche, speziell solche, die sich mit der Problematik des Zusammenlebens der Ehepartner befassen.

So heißt es zum Beispiel:

Wer noch nicht verheiratet ist, der wird allgemein als ledig bezeichnet. Muss man dann die Verheirateten daher gar als erledigt bezeichnen?

Wenn wir ehrlich sind, wird da jetzt so manchem Langzeitehepaar vielleicht ein amüsiertes Na ja durch den Kopf geistern.

Was aber tun, um auch noch nach vielen Ehejaaren nicht zu den Erledigten zu gehören, sondern zu denen, die sich im Laufe ihrer Ehejahre immer weiterentwickelt haben und nach wie vor eine erfüllte Partnerschaft leben?

Von alleine geht gar nichts, ganz im Gegenteil, man muss sicherlich einiges Bemühen in die Beziehung stecken, um sich zu diesen glücklichen Leuten zählen zu können.
Nicht umsonst ist die Scheidungsrate so hoch wie nie zuvor, weil viele eben glauben, nichts zum Gelingen der Ehe beitragen zu müssen oder weil sie einfach die Anforderungen unterschätzen, die in unserer schnelllebigen und emanzipierten Zeit an die Ehepartner gestellt werden.

Aber gerade durch ihren Entschluss, heute die Ehe miteinander einzugehen, signalisieren sie beide:

Wir wollen diese Herausforderung annehmen und wir wollen einen gemeinsamen Lebensweg gehen. Wir stellen uns dem Abenteuer "Ehe".

Eines der Kunstücke, das sie im Laufe ihres Ehelebens wahrscheinlich immer wieder meistern werden müssen, ist sicherlich die Gratwanderung zwischen individueller Freiheit und partnerschaftlicher Einheit.

Sophia Loren hat einmal gemeint:
Eine Ehe kann nur dann glücklich sein, wenn jeder der beiden Partner ein ganz kleines bisschen unverheiratet bleibt.

Das soll natürlich nicht bedeuten, dass die persönliche Freiheit die Ehepartner jeglicher Verantwortung enthebt. Ganz im Gegenteil, ich glaube, dass gerade das Verantwortungsbewußtsein, ganz egal in welcher Beziehung, Grundlage für die persönliche Freiheit in der Ehe ist.

Und die wiederum steht sicherlich nicht im Gegensatz zu einer partnerschaftlichen Einheit, die ja auch jedes Ehepaar anstrebt.

Allerdings dürfen sie dieses einig werden nicht mit einem gleich werden verwechseln.

Oberflächlich betrachtet könnte man ja meinen, dass diese beiden Ausdrücke in etwa das selbe bedeuten. Aber gleich werden, das hört sich halt auch immer so nach absoluter Unterordnung und Anpassung an.
Und ganz egal, ob der eine die Unterordnung des anderen erwartet oder ob der andere von sich aus versucht, sich bedingungslos anzupassen, das Ergebnis ist immer das selbe:

die Eigenständigkeit und die Selbstständigkeit der Partner gehen verloren.

Aber gerade diese zwei Eigenschaften werden ihr Eheleben auf Dauer erst so richtig interessant machen, und genau das will auch Rudolf Weiß sagen, wenn er schreibt:

Es wäre dumm, ein Herz und eine Seele zu werden, wenn wir miteinander doch zwei von jedem haben können!


Eine weitere wichtige Grundlage für ein harmonisches Eheleben ist sicherlich die Bereitschaft, miteinander im Gespräch zu bleiben. Nur wenn man miteinander redet, können Missverständisse und ein Auseinanderleben der Partner verhindert werden.

Seine eigenen Bedürfnisse und Gefühle dem anderen mitzuteilen ist dabei genauso wichtig, wie dem Partner ein guter Zuhörer zu sein.


Ich weiß schon, das hört sich recht gut und schön an , ist aber in der Praxis nicht wirklich immer so leicht auszuführen.

Ein probates Mittel ist es vielleicht, zu versuchen, Unstimmigkeiten immer noch am selben Tag auf den Tisch zu bringen.
Wird der Groll über Nacht weitergetragen, kommt es häufig zu weiteren Missverständnissen und oft fehlt am nächsten Tag einfach die Zeit, den Konflikt zu bereinigen.

Dann werden die Enttäuschung und die Wut geschluckt, die Ursachen des Konflikts werden einfach weggewischt und irgendwann einmal hat sich dann soviel Unmut aufgestaut, dass man einfach nicht mehr darüber reden will oder auch gar nicht mehr kann.


Zu dem Thema Gesprächsbereitschaft habe ich eine recht amüsante Geschichte in dem Buch "Eheprobleme auf österreichisch" gefunden, die ich ihnen kurz vorlesen möchte:

Ein Ehepaar erscheint vor einem Therapeuten und erklärt übereinstimmend, ihre Ehe sei ziemlich im Eimer. Hierauf fragt der Therapeut zuerst die Frau nach dem Grund für das Scheitern der Ehe.

Sie erklärt, daß sie seit Jahren beim Frühstück die Semmeln aufteile und die bessere obere Hälfte ihrem Mann gebe. Dieser sei niemals auf die Idee gekommen, ihr die obere Hälfte der Semmel zu überlassen, sondern habe diese stets stillschweigend angenommen und verzehrt. Diesen Egoismus ihres Mannes könne sie nicht mehr länger ertragen.

Als hierauf der Psychologe den Mann fragt, worin er den Grund für das Scheitern seiner Ehe sehe, erzählt dieser:
"Seit Jahren gibt mir meine Frau beim Frühstück die schlechtere obere Hälfte der Semmel, obwohl ich so gern einmal die untere Hälfte bekommen würde. Aber nein, stillschweigend behält sie sich einfach die bessere Seite. Ich habe das jahrelang mit wachsendem Zorn, ohne ein Wort zu sagen, ertragen, aber jetzt ist es mir wirklich zu viel.

Auch wenn wir über diese Geschichte schmunzeln, sie zeigt schon, dass es oft nur Banalitäten sind, die dem Partner auf die Nerven gehen können. Aber riechen kann der eine halt die Gedanken des anderen nicht.
Daher ist es also wirklich ganz besonders wichtig, auch über die scheinbar belanglosesten Dinge der Welt zu sprechen, oder einfach so richtig schön zu tratschen.
Denn nur dann wird es ihnen gelingen, auch im Gespräch zu bleiben, wenn der Haussegen einmal schief hängen sollte.


Und in diesem Sinne darf ich mich jetzt dem formellen Teil der Trauung zuwenden und darf das Brautpaar und die beiden Trauzeugen bitten, sich von den
Plätzen zu erheben.






 
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