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TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede (315)

Sehr geehrte Frau Musterfrau!
Sehr geehrter Herr Mustermann!
Sehr geehrte Hochzeitsgäste!

Ich begrüße Sie recht herzlich zur standesamtlichen Trauung
hier im Standesamt Musterort.

Ein Kritiker, der mit dem Austropoper Reinhard Fendrich auf
schlechten Fuß stand, schrieb einmal eine außerordentlich
lobende Kritik über eine neue CD von Reinhard Fendrich.
Fendrich meinte dazu: Man kann sich heute auf keinen
Menschen mehr verlassen, jetzt fängt auch der schon an, mich
zu loben.

Sehr geehrte Frau ????! Sehr geehrter Herr ????!

Sie sind für Ihre Beziehung wohl anderer Ansicht als
Reinhard Fendrich.
Kritiker sind bei Künstlern nicht sehr beliebt.
Sie hingegen heiraten nicht Ihren Kritiker, sondern den
Menschen, den Sie von Herzen lieben.

Sie beide bringen heute zum Ausdruck, daß Ihre Partnerschaft
vom Grundgedanken der Toleranz geprägt sein sollte.

Was bedeutet für Sie beide der Begriff " TOLERANZ"?

Ich habe mir darüber Gedanken gemacht.
Das könnte mit diesem Begriff von Ihnen beiden gemeint sein:


Rücksichtnahme aufeinander
Gegenseitiges Wachstum ermöglichen
Miteinander statt gegeneinander
Partner bzw. Partnerin akzeptieren, wie er/sie ist.


Zum Begriff "Rücksichtnahme" habe ich ein Gedicht von Helmut
Walch gefunden, das heißt: Danke für Dein Verständnis:

Nicht immer gelingt es mir, mich von meinen Schwächen freizumachen. Daß Du dafür Verständnis findest, sie übersiehst
und verzeihst - dafür danke ich Dir.

Ich nehme an, ein weiterer Grund für Ihre heutige Eheschließung ist der Humor. Sie sind sich bewußt, daß der partnerschaftliche Humor
eine der Grundlagen für Ihre Beziehung ist.

Somit stellt sich die Frage: Wie schafft man es, dauerhaften Humor
in der Ehe zu bewahren?
Manche Leute sagen: Dauerhafter Humor entsteht durch das Lösen
von Problemen und nicht dadurch, daß man die Lösung vorgesetzt
bekommt.

Das heißt: Wenn es Ihnen gelingt, Schwierigkeiten in der Ehe zu
bewältigen, festigen Sie Ihre Partnerschaft durch den Humor dadurch,
gemeinsam eine annehmbare Lösung gefunden zu haben und vielleicht gemeinsam über die Schwierigkeiten lachen zu können.
Wie jeder weiß, ist das aber nicht immer so einfach!

Man könnte es damit versuchen, Unstimmigkeiten immer noch am
selben Tag zu lösen. Wird der Groll über Nacht weitergetragen, kommt es häufig zu weiteren Mißverständnissen und Verstimmungen
und oft fehlt am nächsten Tag die Zeit, den Konflikt zu bereinigen.

Ein weiterer allgemein gültiger Grundsatz zur Festigung des Humors
bzw. der Freude, könnte darin bestehen, Probleme in der Partnerschaft
nicht nach außen zu tragen, sondern sie ausschließlich nur mit dem
Ehepartner bzw. der Ehepartnerin zu besprechen.
Bekanntlich wird sehr selten ein Ausweg gefunden, wenn Ehesorgen
ohne Wissen des anderen etwa mit Freunden besprochen werden.
Im Gegenteil, das entgegengebrachte Vertrauen wird zu Recht erschüttert.

Insofern ist ein Ehekrach nicht immer das schlechteste, wenn man
sich letztlich über die gemeinsame Lösung des Problems freuen
kann und sich versöhnt.

Sie haben einander kennen-, schätzen und lieben gelernt. Aber richtig
vertraut miteinander, mit allen Stärken und Schwächen, werden Sie
sicher erst im täglichen Zusammensein. In einer Gemeinschaft, deren
Grundstimmung Humor, Toleranz und Ehrlichkeit ist, fällt es stets
auch leichter, zu glücklichen Stunden zu finden.

Wenn Sie sowohl Ihre menschlichen Schwächen als auch die
speziellen kleinen und großen Fehler, die Ihnen unterlaufen werden,
zugeben, ist das die Ehrlichkeit, die zu einer guten Beziehung dazu-
gehört.
Durch den Versuch, sich zu rechtfertigen oder gar zu verteidigen,
wird ein Beziehungsproblem meist nur größer. Mit einer Entschuldigung kann etwas abgeschlossen werden und ein neuer
Anfang wird möglich.

Abschließend erzähle ich Ihnen ein Märchen über den Tempel
der tausend Spiegel:

Ein Hund hatte von einem ganz besonderen Tempel gehört -
Vom Tempel der tausend Spiegel. Er machte sich auf den Weg
und fand nach langem Suchen den Tempel. Er öffnete das Tor
und trat ein. Da sahen ihm aus tausend Spiegeln tausend Hunde
entgegen, der Hund freute sich und bellte fröhlich.
Da freuten sich in tausend Spiegeln tausend Hunde und sie
bellten auch alle fröhlich und der Hund dachte sich:
Die Welt ist voller glücklicher und zufriedener Hunde.

An diesem Nachmittag kam ein anderer Hund in den Tempel
der tausend Spiegel. Auch er öffnete das Tor und trat ein. Da
sahen ihm aus tausend Spiegeln tausend Hunde entgegen, aber
der Hund bekam Angst und knurrte. Da knurrten in tausend
Spiegeln tausend Hunde.
Und der Hund dachte sich: Die Welt ist voller böser,
unzufriedener Hunde.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Ihrer Ehe nicht griesgrämig
durch die Welt gehen, sondern mit offenen Augen und
offenen Herzen aufeinander zugehen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Gedanken zueinander sagen:

Du liebst mich.
Du bist ganz für mich da.
Du nimmst mich bedingungslos an.
Dein Leben hängt ganz an dem meinen.
Obschon Du meine geheimen Ängste kennst.
Obschon Du meine schwachen Seiten weißt.
Du hast meine Unbeständigkeit erfahren.
Ich habe Dir oft weh getan.
Trotzdem stehst Du einfach zu mir.

Ich liebe Dich
Dich mit Deiner ganzen Lebensgeschichte.
Mit Deinen Rätseln und Schrullen.
Mit Deinen Grenzen, Deinen Fehlern.
Ich sage ja zu Dir.
Ich sage es ganz frei.
Obschon ich um all das weiß.
Niemand zwingt mich.
Trotzdem stehe ich zu Dir.
Trotzdem nehme ich Dich radikal ernst.

Wir lieben einander.
Wir stehen bedingungslos füreinander ein.

Und doch wissen wir:
Wir sind brüchig, unbeständig.
Manches an uns ist fragwürdig.
Trotzdem glauben wir aneinander.
Trotzdem hoffen wir, uns glücklich zu machen.
Trotzdem lieben wir uns und bleiben einander treu.

 
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