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TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (409)

Sehr geehrtes Brautpaar!
Verehrte Höchzeitsgäste!

Sie haben sich entschlossen, einander zu heiraten und sind heute zum StA gekommen, um vor ihren Angehörigen und Freunden in der gesetzlich vorgeschriebenen Weise zu erklären, miteinander in ehelicher Gemeinschaft leben zu wollen.

Die standesamtliche Trauung läßt als behördlicher Akt nicht viel mehr zu als den Versuch, die wichtigsten Aussagen des ABGB über die persönlichen Rechtswirkun-gen der Ehe zu vermitteln.


Verehrtes Brautpaar!

Seit mehr als einem Jahrzehnt sind Mann und Frau in der Ehe gleichberechtigte Partner, zumindest dem Gesetzt nach. In vielen Ehen ist diese Gleichberechtigung wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise verwirklicht.
Manche Männer glauben immer noch, Vorrechte und Leitungsgewalten zu besitzen und nicht wenige Frauen sind nach wie vor überzeugt, es sei ihre natürliche und schicksalhafte Bestimmung, sich dem Mann unterzuordnen und ihm zu dienen.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter kann nur verwirklicht werden, wenn sich die Einsicht durchsetzt, daß sie gleichwertig sind. Das Anders-Sein von Mann und Frau und die verschiedenen Aufgaben, die sich daraus für beide im Zusammenleben ergeben, rechtfertigen weder die Bevorzugung des männlichen, noch die Benachtei-ligung des weiblichen Geschlechts.
Als gleichberechtigte Partner sollen Sie ihre eheliche Gemeinschaft einvernehmlich gestalten. Das verlangt gegenseitige Rücksichtnahme und die Bereitschaft, sich mit den Gedanken und Meinungen des Partners unvoreingenommen auseinanderzuset-zen. Es sollte keinem zu schwer fallen, die eigene Position zu korrigieren und für ei-ne Kompromißlösung zugänglich zu bleiben.
Sie sollen gemeinsam wohnen, aber ihre Gemeinschaft darf sich nicht im räumlichen Beisammensein erschöpfen. Sie sollen miteinander wirtschaften, aber es darf Ihnen nicht genügen, in einer ökonomisch funktionierenden Ehe zu leben.
Sie sollten treu sein, aber den Umfang und Stellenwert der Treue selbst bestimmen.
Sie sollen miteinander liebevoll und wohlwollend umgehen, aber nicht nur, wenn sie vor anderen auftreten, sondern auch innerhalb der eigenen vier Wände, aber vor al-lem bei der Austragung gegensätzlicher Ansichten und nicht zuletzt im ehelichen Schlafzimmer.

Mit Ihrer Willenserklärung verpflichten sie sich auch zum wechselseitigen Beistand. Sie sollen daher ihren Partner physisch und psychisch so viel wie möglich helfen, wenn er gesundheitliche, berufliche, finanzielle oder andere Schwierigkeiten zu überwinden hat.

Die Ehe ist eine Lebensform, eine Gemeinschaft, ein Bund zur Bewältigung des Da-seins; sie ist also kein Glück an sich, auch wenn sie mit großen Glückserwartungen geschlossen wird. Sie ist eine zerbrechliche Allianz zweier Individuen und kann durchaus mit einem Balanceakt verglichen werden. In einer Ehe müßte Gleichge-wicht bestehen zwischen dem Anspruch auf persönliche Freiheit und Selbstverwirkli-chung und der Erfüllung des Wunsches nach einer sinnvollen und befriedigenden Gemeinsamkeit.

Sie werden darüber entscheiden müssen, ob sie ihre Ehe jenen Normen unterwerfen wollen, die vor allem aus religiösen und rechtlichen Wertvorstellungen stammen und einem ständigen Wandel unteliegen, oder ob sie die Spielregeln für ihr Zusammenle-ben selbst erfinden und vereinbaren wollen. Wichtig wird sein, daß keiner dem ande-ren seinen Willen aufzwingt, daß Sie sich beide bemühen, in Konflikt-und Krisensitu-ationen gesprächsbereit und verträglich zu bleiben und daß Sie die Probleme einvernehmlich zu lösen versuchen.

In Ihrer Ehe sollte jeder Partner im wesentlichen bleiben können wie er ist. Auch wenn sie es gut meinen, sie sollten in ihrem Partner nie ein Erziehungsobjekt sehen. Vielleicht gelingt es Ihnen auch, die Inbeständigkeit, die nun einmal zu allem Leben gehört, gelassen zu akzeptieren und nichts so wichtig zu nehmen, als hinge von ihm allein alles ab, was das Leben ausmacht.

Es gibt kein Patent oder Geheimrezept für das Gelingen einer Ehe. Sie werden ler-nen müssen, miteinander umzugehen und miteinander auszukommen.
Sie werden so wie alle anderen Eheleute Fehler machen, werden einander manch-mal nicht verstehen und Phasen einer gewissen Entfremdung erleben.
Sie werden dann und wann aneinander geraten und sich wieder versöhnen.
Sie werden die Erfahrung machen, daß auch im Eheleben die Tage der Arbeit, der Sorgen und Mühen jene des Glücks überwiegen.

Aber ich wünsche Ihnen, daß Sie die schönen Stunden umsi intensiver erleben können. Möge Ihnen Ihre eheliche Gemeinschaft so gelingen, daß sie auch nach 25, 50 und mehr Jahren noch ohne Einschränkung sagen können, daß Ihre heutige Entscheidung eine gute und glückliche war!





 
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