logout
TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (455)

Verehrtes Brautpaar!

Für die Gültigkeit einer Ehe fordert das Bürgerliche Gesetzbuch, dass die Verlobten mündlich und in freier Willensäußerung vor dem Standesbeamten die Erklärung abgeben, die Ehe miteinander eingehen zu wollen. Bevor ich diese Erklärung von Ihnen entgegennehme und Ihrem Entschluss, den Sie im Herzen wohl schon seit längerem gefasst haben, rechtliche Geltung verleihe, erlauben Sie mir, dass ich diesem besonderen Ereignis einige Worte widme.

Dabei werden Sie verstehen, dass es für den Standesbeamten nicht einfach ist, die richtigen Worte zu finden oder Lebensweisheiten zu übermitteln. Dazu kenne ich ja die meisten Brautleute zu wenig oder gar nicht und letztlich ist am Hochzeitstag die Welt ohnehin in Ordnung, so dass selbst gut gemeinte Ratschläge oder Tips möglicherweise nur belächelt werden.

Ich hoffe aber dennoch, dass ich Ihnen auch zu Ihrer Ehe einige Gedanken nahe bringen kann, die Sie vielleicht in Erinnerung behalten und nicht gleich draußen vor dem Rathaus schon wieder vergessen haben.

Wenn sich ein junger Mensch nach und nach von seinem Elternhaus abnabelt und die Welt erkennen und begreifen lernt, stellt er sicher bald fest, dass diese Welt ihm Höhen und Tiefen offenbart, die ihn schwindelig machen können.

Erst ist es ja aufregend, alles selbst zu entscheiden und zu meistern, und wie man sagt, frei zu sein. Aber mit der Zeit beginnen die meisten Menschen doch nach einem festen Punkt im Leben zu suchen. Es ist zu vergleichen mit dem Schwimmen einer Nußschale auf dem offenen Meer. Eine solche Nußschale wird durch die Wellen auf und ab, und hin und her getrieben, bis sie irgendwann festen Halt am Ufer findet.

Sie beide haben auch Ihren Halt gefunden; und zwar Ihren Halt an einem anderen Menschen. Nur sollten Sie nicht verharren oder sich abkapseln. Betrachten Sie Ihren Halt, Ihre Ehe als Ausgangspunkt; als Ausgangspunkt für Ihr Leben und Wirken und finden Sie einen Weg, der Sie mit Optimismus, Mut und Hoffnung die Welt gemeinsam erobern läßt.

Es wird aber auch immer umgekehrt sein. Die Außenwelt wird sich einen Weg zu Ihnen bahnen. Das Leben und die Mitmenschen werden Einfluß auf Ihre Zweierbeziehung nehmen. Jeder von Ihnen wird Einflüssen und Ereignissen ausgesetzt sein, die er nach Hause mitbringt, die ihn prägen und auch verändern.

Es mögen wichtige oder banale alltägliche Dinge sein, die den einen von Ihnen bewegen während der andere sie als unwichtig empfindet. Vielleicht sind es auch die Ansichten der Mitmenschen, die der eine teilt und die der andere völlig verwirft.

Hinzu kommen noch die Anforderungen, die die Familien an einen oder beide Partner stellen. Es sind jedenfalls Dinge, die auch nach einigen Ehejahren noch zu Differenzen und Reibereien führen können; und oft hört man Eheleute sagen: “Wir streiten uns nur der anderen wegen“.

Lassen Sie sich aber davon nicht beirren, sondern tragen sie frühzeitig Sorge dafür, dass ein solcher Streit erst gar nicht entsteht. Durch Verständnis der Ehepartner untereinander, liebevolle Worte und Gesten, werden sich doch gemeinsame Positionen finden lassen, muss doch auch Harmonie mit der Außenwelt möglich sein.

Und wenn Sie sich darüber hinaus die rosarote Weltsicht der Jungverliebten in einer Ecke des Herzens bewahren, dann werden Sie auch den ehelichen Alltag mit all seinen Realitäten überstehen.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls, dass Sie Ihre gemeinsamen Positionen finden und so festigen, dass Sie beide dem Druck von außen standhalten können. Dazu wünsche ich Ihnen, daß diese gemeinsamen Positionen dazu beitragen, daß Sie auch in vielen, vielen Jahren bei Ihrem „Ja“ zueinander bleiben.

Nun, verehrtes Brautpaar...

 
zurück zur Übersicht