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TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (601)
Bei der Ziviltrauung ist es Brauch, dass der Zivilstandsbeamte dem Brautpaar stets ein paar Worte mit auf den gemeinsamen Lebensweg gibt. Diese Worte könnte man auch als Ermah-nungen - oder wie junge Leute dies noch besser ausdrücken - als Sprüche bezeichnen. Sprüche haben zwar einen etwas antiken Beigeschmack, und wenn es sich um Sprüche aus der modernen Zeit handelt, weiss man nicht immer, was sie aussagen wollen. Deshalb lassen wir diese lieber alle zum vorherein weg.

Ueberhaupt, einem Brautpaar wie Euch beiden einen sentimentalen, rührseligen Spruch aufzusagen, ist ganz und gar nicht angebracht. Es macht mir den Anschein, dass ich Euch gar nicht erst den Sinn einer Ehegemeinschaft erläutern muss, wie diese sein müsste und wie man sich verhalten sollte, um ein ganzes Leben miteinander glücklich zu sein.

Wenn ich nun aber trotzdem versuche, Euch nebst der trockenen Amtshandlung einer Zi-viltrauung ein paar Gedanken über den Sinn und Zweck einer Ehe zu vermitteln, so aus folgendem Grund: Viele Pärchen, welche doch schon einige Ehejahre mit allen Freuden und Schwierigkeiten hinter sich haben, haben mir aus Ueberzeugung erzählt, dass wir im¬mer wieder von neuem an uns arbeiten müssen, damit die Ehegemeinschaft nicht zu einer faden Gewohnheit ausartet, wo jeder nur noch an sich selbst denkt und die Dienste des anderen als selbstverständlich betrachtet.

Jedes Ehepaar wird seine Lehren aus Fehltritten ziehen. Die Frage ist bloss, wie man schlussendlich das \"Gnusch im Fadenchörbli\" zusammen wieder auflöst. Zusammen, und nicht alleine; deshalb sind wir ja auch Mann und Frau.

Kürzlich habe ich von einem guten Bekannten ein Stück Karton bekommen. Darauf waren einige Steine angeklebt und zwischen den Steinen stand geschrieben: \"Tue nid alli Stei uf dim Wäg hei i d Sammlig träge!\". Dieser Kartonstreifen sollte also den Weg bedeuten, ein stei-niger Weg, und dazwischen ein Spruch, eine Ermahnung, ein Hinweis über das Verhalten, wie einem jemand Hindernisse in den Weg legen kann. Aber seht Ihr, jetzt bin ich trotzdem bei den Sprüchen und Ermahnungen angelangt. Allerdings mit dem Unterschied, dass dieser Spruch nicht auf die Tränendrüsen drückt, sondern schlicht und einfach aufzeigen soll, dass wir nicht alle Unannehmlichkeiten, welche uns tagtäglich begegnen, nach hause in unsere Sammlung tragen sollen. Besser noch wäre bestimmt, erst gar keine Sammlung anzulegen und seinen Ehepartner womöglich mit den eigenen Sorgen verschonen. Dies ist aber besser gesagt als getan.

Wir sind doch eine Gemeinschaft, wo Freud und Leid geteilt werden müssen. Eine Ehege-meinschaft kann nur existieren, wenn wir einander helfen, mitzutragen, mitzuleiden, aber auch mitzufreuen. Auch Probleme werden auftauchen, Probleme, welche gelöst werden müssen und können. Es tut jedesmal gut, seinen Kropf zu leeren, um danach zuzugeben, welch egoistischer Kerl wir wieder einmal waren und die Sorgen seines Ehepartners gar nicht beachtet hatten. Danach werden wir immer wieder feststellen, dass wir einander wie¬der mehr Verständnis entgegenbringen müssen. Verständnis für die verschiedenen und mannigfaltigen Interessen, welche Mann und Frau eben haben können.

Ueber den Mann wird gesagt, er sei wie ein Kästchen voller Schubladen. In der einen Schublade sei die Liebe, in der anderen der Beruf, der Sport, die Kinder und alle verschie-denen Hobbies. Die Schubladen des Mannes stehen alle stets mehr oder weniger offen. Dies gehört offenbar einfach zum männlichen Ordnungssinn. Auch die Schublade der Liebe ist nie geschlossen, und immer zum Geben und Nehmen bereit. Im Gegensatz zum männli¬chen Verwaltungssystem mit den vielen Schubladen, hegt die Frau in ihrem Kästchen stets eine einwandfreie Ordnung. Es liegt alles schön beieinander; die Liebe, die Kinder, der Mann, ihre Hobbies. Wenn Sie die Türen öffnet, profitieren alle davon.

Ja, so verschieden können Mann und Frau sein und sie können sich dabei trotzdem sehr glücklich machen. Wer nun behaupten mag, die Heirat, die Ehegemeinschaft und die Fami¬lie sei keine wunderbare Sache, ist eindeutig ein Egoist, weil er nur an sich und nicht an die anderen denken kann, weil er sogar die Steine auf seinem Weg nach hause in seine Sammlung trägt.

Klar scheint, dass wir einander nicht alle Sorgen abnehmen können. Aber zu wissen, dass uns jemand mitzutragen hilft, stimmt uns zufrieden. Ich weiss, es ist nicht leicht, gerade auch in seelisch schweren Zeiten, sich in die Lage des anderen zu versetzen und mit ihm zu denken und zu fühlen. Und doch müssen wir dies immer und immer wieder anstreben, weil der Weltfrieden eben zuhause in der eigenen Stube beginnt.

Heute ist Euer Hochzeitstag. Ich hoffe, dass Ihr ihn auch in den nächsten Jahren stets in bester Erinnerung behalten und daran denken werdet, was Ihr Euch heute versprecht. Ge-niesst Eure Ehegemeinschaft in vollen Zügen! Nehmt Euch als Geschenk und nicht als Besitz! Betrachtet die Liebe als ein Geben und Nehmen und hofft, dass Ihr auf Lebzeiten glücklich beieinander sein dürft. In diesem Glauben und dieser Liebe und in dieser Hoff¬nung wollen wir nun auch Eure Ehe schliessen.

 
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