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TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (649)
Trauungsrede für einen Schauspieler

Liebes Brautpaar,

Nach, wie ich überzeugt bin, reiflicher Überlegung, haben sie sich entschlossen nun gemeinsam die Bühne der Ehe betreten. Auch im Glanz des heutigen Tages steht diese Bühne nicht in einem großen, viel beachteten Theater sondern erinnert mehr an eine Kleinkunstbühne. Schließlich gibt es nur zwei Darsteller, nämlich sie beide. Aber in einem Stück mit nur zwei Rollen ist man voll und ganz aufeinander angewiesen. Ein solches Stück kann nur gelingen, wenn beide zusammen und nicht gegeneinander spielen. So ist es bekanntermaßen auch im Eheleben: Nur wenn man den wirklichen Willen hat, gemeinsam zu leben, wird die Beziehung gelingen. Das setzt voraus, dass man Rücksicht aufeinander nimmt. Wie die meisten Schauspieler so hat auch jeder von uns seine Eigenheiten und seine Marotten. Und das soll durchaus auch so sein, schließlich sind und bleiben wir eigenständige Individuen. Aber diese Marotten dürfen nicht das Spiel als Ganzes prägen, ja gefährden oder gar den Mitspieler bloßstellen.
Auch das lässt sich genauso auf die Ehe übertragen. Ziel einer Beziehung wie der Ehe kann es nicht sein, sich selbst dem anderen zuliebe gänzlich aufzugeben. Ziel muss es vielmehr sein die Stärken, Schwächen und Eigenheiten beider Partner so zu kombinieren, dass ganz neue Perspektiven entstehen und man gemeinsam neue, erfüllende Erfahrungen machen kann. Auf das Theater bezogen würde man vielleicht sagen, dass man ein Stück völlig neu interpretiert und dem Ganzen eine eigene Note verleiht. So gibt jedes Paar dem viel gespielten Stück namens „Ehe“ seine eigene Prägung, seine individuelle Note.
Um letztlich aber erfolgreich zu sein, muss man im Theater und erst recht im gemeinsamen Leben – wie schon erwähnt – rücksichtsvoll, aber man muss auch kritikfähig sein. Es kommt natürlich sehr darauf an, wie man kritisiert. Für einen Schauspieler ist die Kritik ja oft ein unvermeidbares Übel, aber die Kritiker können einen Darsteller nicht nur niederschreiben sondern auch in den Schauspielolymp erheben. In der Ehe muss man deutlich behutsamer mit der Kritik umgehen. Von Abraham Lincoln stammt der Spruch: „Nur der hat das Recht auf Kritik, der von Herzen hilfreich ist.“ Kritik in der Ehe sollte also helfen und nicht verletzen und zerstören.
Es gibt also viele Parallelen vom Theater zur Ehe, aber es gibt auch große Unterschiede: Im Theater hat man immer einen Regisseur, der sagt, wie man zu spielen hat. Das gibt es im gemeinsamen Eheleben nicht. Auch wenn es vielleicht viele gut gemeinte Ratschläge gibt, ist man letztlich auf sich selbst angewiesen und muss auch schwierige Fragen selbst gemeinsam meistern. Im Theater hat man das Publikum, das die Handlung auf der Bühne sofort mit mehr oder weniger Applaus honoriert. In der Ehe haben sie nur ihren Partner, der sie tadelt oder lobt. Während wir ja mit Tadel meist schnell zur Hand sind, geizen wir doch sehr mit dem Lob. Ein von Herzen kommendes Lob schadet garantiert niemandem, kostet nichts und tut jedem gut. Wie wichtig ist das gerade für eine Beziehung wie die Ehe! Sagen Sie einander, wenn der andere etwas gut gemacht hat oder schick angezogen ist oder ein gutes Essen gekocht hat usw.
Und noch einen großen Unterschied gibt es zwischen Bühne und Ehe: Während man auf der Bühne einen festen Text hat oder es zumindest eine vorgegebene Handlung gibt, bleibt die Ehe eine dauerhafte Improvisation. Aber gerade das macht diese Beziehung ja interessant und deshalb sollte man sich auch in der Ehe nicht zu viele Schemen vorgeben sondern gemeinsam auch immer wieder eingetretene Pfade verlassen und sein Zusammenleben abwechslungsreich und interessant gestalten. Schließlich heißt es schon bei Friedrich Schiller in Kabale und Liebe: „ Veränderung nur ist das Salz des Vergnügens“.
Auf einer Bühne zu stehen, ist etwas Besonderes. Vor allem bei der Premiere herrscht eine ganz besondere Stimmung unter den Spielern, weil jeder das berühmte „Kribbeln im Bauch“ – wir können es auch einfach als Lampenfieber bezeichnen – verspürt. Von Max Ophüls, einem der in der Welt des Theaters und des Films zu Hause war, stammt der Spruch: „Es ist das Geheimnis einer guten Ehe, einer Serienaufführung immer wieder Premierenstimmung zu geben.“ Er vergleicht also den Ehealltag mit den sich gleich bleibenden Aufführungen eines Stückes, das in Serie gegangen ist und stellt ihnen die Hochstimmung und die fiebrige Erwartung bei einer Premiere gegenüber. Er fragt sich, wie in der Serie das Glück der Premiere erhalten bleiben kann.
Worin liegt nun das Geheimnis einer guten Ehe? Es besteht darin nicht im alltäglichen Nebeneinander-Leben zu versinken, sondern der Beziehung immer wieder neue Impulse zu geben. Wenn man frisch verliebt ist, schwebt man auf der berühmten Wolke sieben. Dann ist es noch etwas besonderes sich zu einem Rendevouz zu treffen. Doch mit der Zeit wird jede Beziehung zur Normalität. Es ist selbstverständlich sich zu sehen und das Leben zu teilen. Routine setzt ein. Wenn man seinen Gefühlen keine Anreize, keine Nahrung gibt verblassen sie. Wenn man nichts in die Beziehung investiert, wird sie langweilig. Wenn man sich hängen lässt, erlebt man keine Höhenflüge mehr.
Lassen sie es nicht dazu kommen! Lassen sie wenigstens ab und zu die Funken sprühen wie beim ersten Rendevouz, wie bei einer aufregenden Premiere. Bauen sie immer wieder etwas Besonders in den Ehealltag ein, etwas was sie gemeinsam unternehmen und worauf sie sich beide freuen. Und sie werden sehen, das prickelnde Gefühl der ersten Verliebtheit lässt sich auch in einer länger währenden Beziehung erhalten.
Deshalb ist mein ganz besonderer Wunsch für Sie beide heute, Dass sie ihr gemeinsames Leben so gestalten, dass es nicht zur dauernden Wiederholung, zur gleich bleibenden Serie wird sondern dass es ihnen gelingen möge in sich gegenseitig immer wieder jenes Kribbeln im Bauch zu entfachen, dass ein Schauspieler empfindet, wenn sich der Vorhang zur Premiere hebt.

 
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