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TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (710)

Liebes Brautpaar, sehr geehrte Gäste,
in dem Gedicht \"Stufen\" von Hermann Hesse kommt der Satz vor:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Dieser Satz hat viel Wahres. Wenn eine große Hochzeitsgesellschaft, so wie heute, hier hereinkommt, alle festlich gekleidet sind, schöne Blumen mitgebracht werden und nicht zuletzt die Braut mit einem so wunderschönen Brautkleid (Kostüm) anwesend ist, habe ich immer den Eindruck, es liegt ein gewisser Zauber, ein besonderes Flair in der Luft und ein bisschen Aufregung.

Und so soll es auch sein! Schon als Kind haben viele Träume von einer wundervollen Hochzeit. Und heute ist es schließlich so weit: Der beziehungsweise die Richtige ist in Euer Leben getreten, so dass Ihr euch zur Eheschließung vor versammelter Hochzeitsgesellschaft entschlossen habt

Für Euch ist es keine Angelegenheit, die Ihr im Stillen feiern wollt, sondern es sollen alle an Eurem Glück teilhaben. Alle tragen dazu bei, dass heute so eine festliche Stimmung herrscht. Viele Vorbereitungen waren für dieses Fest zu treffen, um es zu einem herausragenden Tag in Eurem Leben zu machen.

Aus meiner Erfahrung ist es auch immer ein besonderes Fest für die Eltern des Brautpaares. Sie freuen sich besonders mit, dass die Tochter oder der Sohn einen Partner, eine Partnerin gefunden hat. Ich hoffe, Sie fassen die Hochzeit nicht als Verlust der Tochter oder des Sohnes auf, sondern als Erweiterung der Familie. Sie gewinnen eine Schwiegertochter beziehungsweise einen Schwiegersohn dazu.

Aber nun noch einmal zurück zum Zauber, der heute in der Luft liegt. Dieser Zauber sollte nicht gleich verpuffen. Aus meiner Erfahrung hat die Ehe für die meisten Menschen heute immer noch eine so große Bedeutung, dass sie hoffen und sich wünschen, aber auch danach streben, diesen Zauber, der heute herrscht, für ein ganzes Leben zu bewahren.

Manchmal ist das keine leichte Sache, das wissen wir alle, darum möchte ich noch einmal Hermann Hesse zitieren:

In dem Gedicht \"Stufen\" heißt es weiter:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Kurz inne halten
Was erhoffen sich die meisten Menschen vor allem vom Leben bzw. wonach suchen sie? Vertrauen und Liebe beziehungsweise ein vertrauensvolles Zusammenleben mit einem Menschen, den sie schätzen.
Das ist heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, so, und das war auch schon vor hundert und mehr Jahren so. Denn hierbei geht es um ganz grundlegende Wünsche und Haltungen gegenüber dem Leben. Sie kommen auch in einem alten Volkslied zum Tragen, das ich Euch heute gern mit auf den Weg geben möchte. Es lautet folgendermaßen:
Die Erde braucht Regen,
die Sonne braucht Licht,
der Himmel braucht Sterne,
wenn die Nacht hereinbricht;
ein\' Ast braucht der Vogel, um sein Nestchen drauf zu bau\'n:
der Mensch braucht ein Herz, dem er seins kann vertrau\'n.

Und hat er eins gefunden, so kann er sich freu\'n denn es kann ja ohne Liebe kein Mensch glücklich sein.
Er fragt nicht nach Gelde,
wird nach Reichtum nicht schau\'n,
wenn er hat nur ein Herz,
dem er seins kann vertrau\'n.
Die wahren Güter im Leben sind also Liebe und Vertrauen.
Was wirklich zählt, sind nicht Geld und Reichtum oder Ansehen und Macht, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen. Nun will ich hiermit natürlich nicht abstreiten, dass man auch Geld zum Leben braucht und es recht angenehm ist, sich etwas leisten zu können. Und gleichermaßen ist es für die Menschen wichtig, Erfolg zu haben, im Beruf voranzukommen, sich etwas aufzubauen.
Doch das, was uns richtig glücklich macht, was uns Kraft und Rückhalt gibt, das liegt im zwischenmenschlichen Bereich, das liegt auf einer gefühlsmäßigen Ebene. Und dort, liebes Brautpaar, sollte der Schwerpunkt euer beider Beziehung liegen.
Denn jeder braucht einen Menschen, bei dem er sich mal aussprechen kann, der ihn so akzeptiert, wie er nun mal ist, der ihm, wenn nötig, mit Rat und Tat zur Seite steht. Jeder braucht also einen Menschen, dem er vertrauen kann.
Und so einen Menschen zu finden, das ist gar nicht so einfach. Leben wir doch in einer Zeit, die von Konkurrenzdenken und Ellbogenmentalität geprägt ist. Jeder muss sehen, wo er bleibt, und kann es sich vielleicht gar nicht leisten, sich groß um andere zu kümmern.
Das ist oft nur im privaten Bereich möglich. Hier können wir offen zueinander sein, hier können wir Rücksicht, Unterstützung und emotionalen Rückhalt erwarten. Hier können wir eine Beziehung entwickeln, die wirklich von Vertrauen geprägt ist.
Denn um dem anderen zu vertrauen und ihm Vertrauen einzuflößen, müssen zwei Menschen einander schätzen und sich gut kennen gelernt haben. Sie brauchen etwas, was sie verbindet: gemeinsame Interessen oder Ziele, gemeinsame Erfahrungen oder Zuneigung füreinander.
Vertrauen heißt auf der anderen Seite aber auch verzeihen, verzeihen können. Verzeihen, auch wenn man dabei vielleicht über seinen eigenen Schatten springen muss. Durch ein Verzeihen kann man aus einer schwierigen Situation oder gar Krise herauskommen und gestärkt gemeinsam in die Zukunft blicken.
Wenn zwei Menschen sich mögen, können sie sich einander anvertrauen. Nicht nur ihre Sorgen und Nöte oder ihre Geheimnisse, sondern eigentlich ihre ganze Person. Jemanden einem anderen anvertrauen, so lautete auch eine alte Hochzeitsformel. Das heißt, zwei Menschen können sicher sein, dass sie bei dem jeweils anderen gut aufgehoben sind und dass sie zusammen eine gemeinsame Zukunft haben.
Vertrauen und Zuneigung schaffen die Basis, um sich miteinander auf den Weg durchs Leben zu begeben. Denn dann wissen beide, dass sie zueinander halten werden, egal, was kommt. Dann werden sie einander beistehen, wenn etwas schief läuft, und natürlich werden sie sich miteinander freuen, wenn das Leben seine schönen Seiten zeigt. Dieser Zusammenhalt gibt beiden die Kraft, sich mit allem anderen im Leben auseinander zu setzen, und die Fähigkeit, aus allem das Beste zu machen und dem Leben die heiteren Seiten abzugewinnen.
Zwei Menschen, die sich füreinander entscheiden und miteinander durch dick und dünn gehen, geben einander das, was sie brauchen:
Liebe und Vertrauen.
Und sie geben einander ein Zuhause, in dem sie Rückhalt und Geborgenheit finden, in dem sie sich wohl und glücklich fühlen.
Kurzes Inne halten
Damit ihr diesen Tag und im Speziellen diesen Moment auch immer in guter Erinnerung behaltet, versuche ich euch nun in Form einer kleinen Erzählung noch etwas mit auf den gemeinsamen Weg zu geben:
Vielleicht haben Ihr schon einmal von dem kleinen Büchlein \"Der kleine Prinz\" von einem französischen Autor gehört oder vielleicht sogar diese Geschichte schon einmal gelesen?
Sie handelt von einem kleinen Prinzen, einem Außerirdischen, einem hübschen kleinen Kerlchen mit strohblonden Haaren. Sein Zuhause ist der Planet 612, ein ganz kleiner Himmelskörper mit drei Vulkanen, die er täglich wie Kaminschlote reinigt, damit es zu keinem unkontrollierten Ausbruch kommt, einem großen Affenbrotbaum, dessen Ableger er stets entfernt, weil er sich sorgt, dass für zwei Bäume der Planet zu klein sei. Ganz besonders wichtig ist dem kleinen Prinzen jedoch sein Rosenstock, den er mit viel Liebe hegt und pflegt.
Eines Tages beschließt er auf Reisen zu gehen. Er besucht verschiedene Sterne und Planeten und gelangt so auch auf die Erde. Es dauert nicht lange und er begegnet einem Fuchs. Dieser bittet ihn, ihn zu zähmen. Das Wort \"zähmen\" ist dem kleinen Prinzen unbekannt, doch der Fuchs erklärt ihm, dass man nur die Dinge kennt, die man zähmt. Und da der kleine Außerirdische viele Dinge kennen lernen und Freunde finden wollte, ließ er sich auf das Spiel \"Zähmen\" ein. Der Fuchs war ein kleiner Philosoph und lehrte seinen neuen Freund, wie er ihn zähmen könne. Und dabei erklärte er ihm, was eine Freundschaft ausmacht, nämlich Geduld und Sensibilität zu haben, die richtige Distanz zu wahren - nicht mit der Tür ins Haus zu fallen.
Ganz wichtig für eine gute Beziehung sind auch feste Bräuche, lehrt der Fuchs den Prinzen. Was meint er damit - er lässt es uns wissen: \"Es ist das, was einen Tag vom anderen unterscheidet, eine Stunde von der anderen.\" Wie könnten wir uns auf einen freien Tag oder das Wochenende freuen, wenn ein Tag wie der andere wäre? Und gäbe es eine Wiedersehensfreude, wenn wir 24 Stunden zusammen wären?
Der Fuchs spielt in diesem Zusammenhang auf die Zuverlässigkeit an, die auch in der Ehe nicht fehlen sollte. Wie schön ist es, sich zu verabreden und jeder weiß, er kann sich auf den anderen verlassen. Das Tierchen gibt Einblick in seine Gefühlswelt und erklärt seinem neuen Freund: Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei anfangen, glücklich zu sein. - Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll... Es muss feste Bräuche geben.
Die Gespräche haben den kleinen Prinzen sehr nachdenklich gemacht. Die beiden haben sich vertraut gemacht und jetzt ist der Fuchs für ihn nicht mehr nur ein Fuchs wie hunderttausend andere, sondern er ist sein Freund und damit einzig in der Welt. Er weiß jetzt auch, dass sein Rosenstock auf seinem Planeten einzigartig ist, weil er sich um diesen mit viel Liebe jeden Tag gekümmert hat - ihn begossen hat - vor Wind, Kälte und den Raupen geschützt hat - und insbesondere Anteil daran genommen hat, wie es seiner Rose geht. An dieser Stelle möchte ich Ihnen ein Stück aus dem Buch zitieren:
Der kleine Prinz ging, die Rosen wiederzusehen: \"Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts\", sagte er zu ihnen. \"Niemand hat sich euch vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er einzig auf der Welt.\" Und die Rosen waren sehr beschämt.
\"Ihr seid schön, aber ihr seid leer\", sagte er noch. \"Man kann für euch nicht sterben. Gewiss, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm beschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe. Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.\"
Dies ist nur eine Geschichte, aber die wichtigste Aussage, die dahinter steckt, ist die: die Zeit, die Ihr füreinander habt, macht Sie einander so wichtig. Nur Ihr beide kennt die Ereignisse, das gemeinsam Erlebte und die Motive, die zum Entschluss, nun heute die Ehe zu schließen, führten.


Noch einen weiteren, wichtigen Satz hält der Fuchs bereit:
Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Dies ist eine entscheidende Aussage an so einem Tag wie heute, denn eine Hochzeit ist in erster Linie eine Herzensangelegenheit. Die Liebe zwischen Euch ist für die Augen unsichtbar.
Der Fuchs hält auch einen ernsten Gedanken für seinen neuen Freund, den kleinen Prinzen, bereit. In meinen Augen ist es der bedeutendste Satz dieser Geschichte und könnte ein Leitmotiv für Eure Ehe sein. Der Autor lässt den Fuchs philosophieren:
Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.
Ihr beide habt euch gegenseitig vertraut gemacht, der Partner ist einzig geworden, so wichtig, dass Ihr euch nun das Jawort geben wollt.



 
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