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TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (845)

Rainer-Maria Rilke ging in der Zeit seines Pariser Aufenthaltes regelmäßig über einen Platz, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne je aufzublicken, ohne ein Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern, saß die Frau immer am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine französische Begleiterin warf ihr häufig ein Geldstück hin. Eines Tages fragte die Französin verwundert, warum er nichts gebe. Rilke antwortete: „Wir müssen ihrem Herzen schenken – nicht ihrer Hand“. Wenige Tage später brachte Rilke eine weiße Rose mit, legte sie in die offene Hand der Bettlerin. Als er weitergehen wollte geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Frau verschwunden; der Platz, an diem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Nach acht Tagen saß sie plötzlich wieder an der gewohnten Stelle. „Aber wovon hat sie denn in all den Tagen gelebt?“ fragte die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose ...“. Liebes Brautpaar, die Kernaussage dieser Geschichte ist, dass man dem Herzen schenken muss – nicht der Hand. Heute ist ein ganz besonderer Tag für Sie. Sie feiern Ihre Hochzeit. Vor sechs Jahren lernten Sie sich kennen. Ein großes Fest wird sich heute nach der standesamtlichen Eheschließung anschließen. Nach einer gewissen Zeit wird wieder eine Normalität und der Alltag einkehren. Alles wird seinen geregelten Ablauf nehmen. Man erledigt die notwendigen Tätigkeiten, man geht zur Arbeit, man genießt seine Freizeit ... Dieser Alltagstrott kann auch der Nährboden für Uneinigkeiten und vielleicht für einen Streit sein. Um diese Phasen Ihrer Beziehung besser überstehen zu können, braucht es eine tiefe Bindung zueinander. Man braucht viel Platz für den Partner in seinem Herzen. Diesen Platz für seinen Ehemann bzw. für seine Ehefrau hat man nur, wenn der Andere diesen Platz geschaffen hat. So sind wir wieder bei unserer Geschichte angekommen. Man muss seinem Partner etwas bieten. Damit meine ich aber nicht das Materielle. Ich spreche nicht von kostspieligen Geschenken. Schmuck, Reisen, die neuesten Klamotten sind nur Geschenke für die Hand. Für das Herz müssen Sie etwas anderes schenken. Schenken Sie Ihrem Partner Geborgenheit, Verständnis, Vertrauen und vor allem viel Gefühl. Seien Sie für Ihre Frau bzw. Ihren Mann da, vor allem wenn der Andere Sie braucht. Nur so bekommen Sie einen festen Platz im Herzen des Partners und können somit schwerere Zeiten in Ihrer Beziehung überwinden. Clemens von Brentano hatte folgenden passenden Satz gesagt: „Die Liebe allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei selbst reich zu werden.“ Durch die Geschenke an das Herz des Partners werden Sie selbst beschenkt. Sie gewinnen selbst dazu ohne etwas kaufen zu müssen. Sie verlieren also nichts. Das einzige was Sie hierbei investieren müssen ist Zeit. Nur wenn Sie sich genügend Zeit nehmen den Partner zu beschenken, werden Sie dessen Herz erreichen. Von diesen gegenseitigen Geschenken können Sie beide dann zehren. So ging es in unserer Geschichte auch der armen Frau. Von den materiellen Spenden konnte sie nicht lange auskommen. Die geschenkte Rose hat ihr soviel gegeben, dass Sie eine zeitlang ohne die Almosen leben konnte.

 
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