logout
TRAUUNGSREDEN
 
Trauungsrede: (78)
Als sie sich zur Eheschließung angemeldet haben, haben wir im Standesamt - so wie es im Gesetzestext heißt - ihre Ehefähigkeit ermittelt.

Bevor jemand, hier im Saal auf schlüpfrige Gedanken kommt, stelle ich fest, dass sich diese Ermittlung ausschließlich auf die Personenstandsdokumente beschränkt hat. Das Ergebnis dieser Ermittlungen will ich nun, gleich zu Beginn hier verkünden:

Sie beide sind ledig, das heißt sie können die Ehe eingehen.

Ich hoffe sehr, dass sie die Frage, die ich im Anschluss meiner Rede an sie richten werde, mit JA beantworten. Denn dann hätte ich meine erste Eheschließung erfolgreich erledigt und könnte ihr Ehebuch zu den Akten legen.

Für sie beide stellt sich die Sache natürlich ganz anders da, sie wollen nicht zu den erledigten gehören, sondern zu jenen die glücklich verheiratet bleiben.

Daher wollen sie auch in der Zukunft die persönliche Freiheit ihres Ehemannes bzw. ihrer Ehefrau respektieren.

Darüber habe ich nachgedacht und meine, dass dies oft gar nicht so einfach ist. Wer kennt schon die Grenzen des persönlichen Freiraumes und wer weiß schon genau, wie weit er wirklich gehen kann, um den anderen nicht zu verletzen.

Es kommt also sehr darauf an, nicht nur auf den eigenen Freiraum zu drängen, sondern besonderst darauf, bis zu welchem Grad der andere den Drang nach Freiheit akzeptieren kann.

Hier wird es, auch in der Zukunft sehr auf ihr Fingerspitzengefühl ankommen. Denn nicht umsonst, wird die Freiheit als Rückgrat der Liebe bezeichnet. Das Thema Freiheit in der Partnerschaft wird, wie ich meine, in folgender orientalischer Weisheit sehr gut beschrieben:


"Binde zwei Vögel zusammen,
sie werden nicht fliegen können,
obwohl sie nun vier Flügel haben"


Der nächste Punkt, den ich hier erwähnen möchte, steht auf den ersten Blick im Widerspruch zur persönlichen Freiheit. Nämlich, ihre gemeinsamen Interessen. Vermutlich waren es genau diese gleichen Interessen, die dazu geführt haben, dass sie aufeinander Aufmerksam geworden sind und zueinander gefunden haben. Durch die vielen gemeinsamen Erlebnisse wird ihre Liebe zueinander gestärkt und immer wieder aufgefrischt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es nach vielen Ehejahren auch einmal notwendig werden wird nach neuen, gleichen Interessen Ausschau zu halten.

Sie als Paar haben bisher sicher die richtige Mischung aus persönlichem Freiraum und gemeinsamen Interessen gefunden. Heikel wird es vielleicht nur dann, wenn einer von ihnen mehr Freiraum in Anspruch nehmen will, als der andere ihm zugestehen möchte, oder sich einer mehr Gemeinsamkeiten wünscht und sich der andere dadurch eingeengt und umklammert fühlt.

Von den glücklichen so genannten "alten" Ehepaaren, wissen wir, dass es in solchen Situationen ganz hilfreich ist, sich in das Wesen des anderen hineinzuversetzen. Da tun sich nämlich völlig neue Blickwinkel auf. Und so werden sie, mit ihrer Liebe zueinander sicher wieder die notwendige Balance aus Freiheit und Gemeinsamkeit finden.





 
zurück zur Übersicht